2020TennisTVM

Ein Gruß aus der Bezirksliga

Ein weiterer Tag neigt sich dem Ende. Bei bestem Wetter sitze ich auf der Clubterrasse einer sonst leergefegten Anlage. Die heutigen Impressionen lasse ich mir noch einmal bildlich durch meinen Kopf laufen. Auch dieses Mal sah ich kein Bundesliga-»Topspiel«. Nein – ich begeistere mich noch immer vom Match unserer jüngsten MSC-Damenmannschaft, die nun langsam keine Juniorinnen, sondern eben Damen werden. Diese Mädels haben es geschafft: Nach einem nervenkitzelnden Showdown auf heimischer Anlage sicherten sich unsere 3. Tennisdamen gegen den zuvor unschlagbaren TC Weidenpescher Park den Aufstieg in die 1. Bezirksliga.

Diejenigen, die nun beginnen zu schmunzeln, da ein stolzer Vater euphorisch über einen vermeintlichen Showdown in der 2. Bezirksliga schreibt, sei erklärt: Die Nummer eins der Gegnerinnen hat eine LK 4, die Nummer zwei eine LK 9 und selbst die Nummer sechs eine LK 16. Sicher ist: Geschenkt bekommen haben diese Damen ihre Leistungsklassen ganz sicher nicht. Vielmehr – es zeigt die unglaubliche Leistung unserer 3. Damen.

Der Verband jedenfalls scheint die Einspielgepflogenheiten unserer MSCerinnen gekannt zu haben. Anscheinend bewusst setzte der TVM den Aufstiegskracher an diesem spätsommerlichen Sonntag bereits auf 8:30 Uhr an. Hellwach ist unser MSC-Damentrainer Yannick Schramm zu dieser Zeit aber schon lange: Zur frühen Stunde zitiert er gekonnt aus Paragrafen des Verbandsregelwerks – um so die an Position eins aufgestellte Daniela Klaic doch noch in die 1. Einzelrunde hinzumanövrieren. Vielleicht waren die Damen des TC Weidenpescher Parks nicht ganz regelfest – oder einfach nur sportlich-fair. Sie stimmten der Reihenfolgeänderung zu. Es versprach, eine entspannte Begegnung zu werden.

Lange war Daniela verletzt. Fast schon schüchtern tastet sie sich nun wieder an den Wettspielbetrieb heran. Das macht es umso schwerer: Denn unser 17-jähriges Tennistalent trifft auf eine erfahrene Gegnerin mit einer LK 4. Der erste Satz verläuft alles andere als gewünscht. Verletzungsbedingt führt Daniela ihren zweiten Aufschlag von unten aus. Das imponiert ihre Gegnerin nicht einen Hauch. 2:6 verliert Daniela den ersten Satz. Doch das motiviert unsere MSCerin nur noch stärker: In Durchgang zwei zeigt sie all ihre Turniererfahrung. Mit Erfolg: 7:5 heißt es am Ende aus MSC-Sicht. Es kommt, wie es kommen muss in einem Showdown – Match-Tiebreak. Klar ist: Die stärkeren Nerven gewinnen. Und hier zeigt Daniela, warum sie trotz langer Verletzungspause noch immer eine LK 4 vorweisen kann. In den entscheidenden Momenten bleibt sie stabil. Mit 11:9 gewinnt sie den Match-Tiebreak für sich. 1:0 MSC.

Mit einer starken Gegnerin hat auch unsere Nummer zwei, Lea Edelstein, zu kämpfen. Die 16-jährige MSCerin steht einer LK 9-Spielerin gegenüber. 14 Jahre mehr Wettkampfpraxis und fünf LK-Plätze besser – das schreit nach einem klaren Sieg der Weidenpescherin. Doch diese scheint überrascht zu sein, dass sie mit ihrer ökonomischen Bratpfannen-Technik den ersten Satz nach Tiebreak an unsere junge MSCerin abgeben muss. 7:6. Lea hat es sich verdient: Sie bewegt sich gut, ist fleißig und serviert konstant. So konstant sogar, dass ihr zweiter Aufschlag manchmal schneller als ihr erster ist. Lea spürt: Sie kann sich nun auf ihren Service verlassen. Also beginnt Lea, im zweiten Satz noch einmal mehr zu riskieren. Aber auch ihrer Gegnerin vom Weidenpescher Park findet Zutaten, um ihrer Bratpfannen-Technik weitere Variation hinzuzufügen. Break folgt auf Re-Break – ein spannender Satz. Am Ende jedoch ist es ein Doppelfehler zu viel, den Lea produziert. Mit 3:6 geht Satz zwei an den Weidenpescher Park.

Somit geht auch das zweite Einzel in den Match-Tiebrak. In diesem ist Leas Bilanz gut. Auch an diesem Sonntag bleibt sie mental stabil und investiert viel Kraft in jeden Schlag. Doch anders als bei Daniela, scheint sich nun die Erfahrung durchzusetzen. Denn Fehler zu vermeiden und weniger zu riskieren – das passt nicht in Leas Spielkonzept. Sie geht mit ihren Schlägen ans Limit, stürmt nach vorne und wird – überlopt. Macht ja nichts. Jeder Punkt wird schließlich neu entschieden. Doch ein Netzroller ist immer ungünstig. Genau wie Platzfehler. Und Doppelfehler. Mit 7:10 verliert Lea den Match-Tiebreak am Ende unglücklich. »150 Punkte habe ich dort auf dem Platz gelassen. Wenn ich gewusst hätte, dass sie LK 9 hat, hätte ich sie geschlagen«, gibt sich Lea mit einem Lächeln trotz Niederlage selbstbewusst. Es steht jetzt 1:1.

An Position vier schlägt unser Neuzugang Luca Isabel Albus (27 Jahre, LK 18) auf. Ihre jüngere und laut Meldeliste »bessere« Gegnerin macht ihr das Leben schwer. Luca kommt nur schwer ins Spiel – und verliert Satz eins mit 3:6. Durchgang zwei läuft besser für unsere MSCerin. Es kommt zum Tiebreak – und die Spannung steigt. Mittlerweile hat sich auch die Anlage gefüllt. Einige Jungs der 2. und 3. Tennisherren sind zur Unterstützung gekommen. Sie rücken nun ganz nah an den Platz heran. Sie wissen: Sollte Luca den Satz gewinnen, kommt es auch in der dritten Partie des Tages zum Matchtiebreak. Doch soweit kommt es nicht. Luca verliert 3:6, 6:7. Und so steht es nach drei Einzeln 1:2 aus MSC-Sicht.

Ich spreche mit Trainer Yannick Schramm. Er spekuliert auf ein 3:3 nach der Einzelrunde. Mutig, denke ich mir. Also müssten es die Mädels an Position drei, fünf und sechs richten. An drei spielt Daniela Mentzen. Die 18-Jährige ist Stammspielerin unserer 1. Juniorinnen, die in dieser Saison den Aufstieg in die Oberliga gefeiert haben. Dass Dani Tennis spielen kann, zeigt sie jetzt zum wiederholten Male. Vor den Augen ihrer stolzen Eltern spielt sie majestätisches Tennis und fegt ihre Gegnerin (LK 12) mit 6:2 und 6:2 vom Platz. Verdiente 150 LK-Punkte gibt es noch für diese Leistung. Mit Danis Sieg war in jedem Fall zu rechnen. 2:2. Und ab jetzt heißt es: geduldig sein.

Shima Faye Reinwand ist jetzt an der Reihe. Wer sie kennt, der hofft, dass der Tag noch lang genug ist. Denn mit einem auf mittleren Tempo gesetzten Tempomat spielt die 17-jährige Shima (LK 20) alle Bälle zurück ins gegnerische Feld. Zehn, fünfzehnmal hintereinander. Doch Geduld ist nicht die Stärke von Shimas Gegnerin. So verschenkt sie in gewisser Weise den ersten Satz im Tiebreak. Im zweiten Satz liegt die ruhige, langgewachsene Shima erst einmal zurück. Doch ihre Ruhe und scheinbare Regungslosigkeit bringen ihre Gegnerin aus Weidenpesch auf die Palme. Shima nutzt das clever aus. Gekonnt justiert sie ihren Tempomat erneut auf mittlere Geschwindigkeit, spielt den Ball acht-, neun-, zehnmal ins gegnerische Feld zurück. Der Spielstand dreht sich und der Satz neigt sich dem Ende. Je näher dieses rückt, desto schwerer wird in der Regel auch der Arm. Nicht so der Shimas. In gleichbleibendem Takt bringt sich weiter alle Bälle zurück. Ihre Gegnerin verliert die Kräfte. Ihr Bleischläger bringt den Ball nicht mehr zurück. Shima erlaubt sich ein schüchternes Lächeln, bald hat sie Geburtstag. Doch schon heute hat sie, wie so oft, gewonnen. 7:6 6:4. Ihr Pünktchen bringt sie stolz nach Hause.

»Nathalie ist an Position sechs eine Bank«, brüstet sich Coach Yannick Schramm mit seiner Mannschaft. »Sie ist viel zu stark für diese Position, aber sie hat eine schlechte LK.« Das, was sich im ersten Moment schlecht anhört, ist eine gute Nachricht. Die studierte Medizinerin steht bei LK 23 – aber nur, weil sie wenig Zeit hatte, LK-Punkte zu sammeln. Nathalie Pfisterer ist gemeinsam mit ihrer Freundin Luca in den MSC gewechselt. An diesem Sonntag hebt sie die letzte Einzelbegegnung des Tages dank solider Schläge zu einem Kampf auf Augenhöhe. Knapp und etwas unglücklich verliert Nathalie den ersten Satz im Tiebreak. 6:7. Frustriert legt sie im zweiten Satz zu. Furios spielt sie Punkt um Punkt – und entscheidet Durchgang zwei souverän mit 6:0 für sich. Es geht also in die Verlängerung.

Beide Mannschaften plus Anhang – das sind vor allem unsere Tennisherren – wandern nun an den Platzrand, um Nathalies Match-Tiebreak zu sehen. Wir Eltern hingegen beobachten das Geschehen aus der Ferne – und versuchten, durch das Deuten von Emotionen mitzuzählen: »War er drin?«, »War er im Aus?« Doch ein Kommentar von der Seite – und wir verloren die Übersicht.

Es ist mittlerweile 13:27 Uhr. Und dieses Spiel ist noch immer nicht zu Ende. Vorbei ist es erst, als ein deftiger Jubelschrei die Anlage erschüttert und unsere Mädels gemeinsam mit den Tennisherren freudig am Spielfeldrand herumzappeln. 6:7, 6:0, 10:8. Also, Herr Schramm, die Prognose wurde leicht verfehlt. Zum Glück. Denn eine 4:2-Führung ist ein komfortabler Zwischenstand, um die Doppel zu spielen.

Die Beratungen der Teams dauern an. Und Nathalie muss sich erst einmal von ihrer Schlacht erholen. Es dauert, bis die Doppel starten. Mittlerweile ist selbst die Sonne viel kräftiger wie noch am Vormittag.

Dann ist es endlich soweit: Die Doppelaufstellungen sind raus. Und es gibt – Überraschungen. Yannick Schramm setzt auf Erfahrung. Und somit auf Birthe von Haaren-Mack. Spielerfahrung hat die zweifache Mutter schon – zuletzt aber eher mit ihren kleinen Kindern als auf dem Tennisplatz. Zwei Jahre hat sie kein Wettkampfspiel mehr bestritten. Doch sie sei wieder gut in Form, versichert Trainer Yannick Schramm: »Nur der Aufschlag wackelt noch ein wenig – aber bei wem tut er das nicht?«, stellt der Coach fest. Als feste Spielerin der Bundesligareserve hat sie in der Vergangenheit schon oft ihre spielerischen Fähigkeiten in der Oberliga erfolgreich unter Beweis gestellt. Im Doppel ersetzt sie unsere bisherigen Nummer eins, Daniela Klaic.

Es ist klar, warum Yannick Schramm auf Erfahrung setzt: Ein Doppel müssen unsere Mädels gewinnen. Dann ist der Sieg perfekt. Doch auch die Gegnerinnen aus Weidenpesch stocken ihre Mannschaft noch einmal auf. Die Spielertrainerin und Mannschaftsführerin wechselt Trainings- mit Spielkleidung – und steht im ersten Doppel auf der Asche. Leas Gegnerin sitzt aus. Und auch im dritten Doppel zeigt Weidenpesch ein neues Gesicht. Der Schläger in der falschen Hand – ist sie etwa eine Doppelspezialistin?

Die Aufstellung unserer 3. Damen ist relativ schnell erklärt: Yannick Schramm setzt neben Erfahrung vor allem auf Vertrauen und logischem Pragmatismus. Die zwei Freundinnen Luca und Nathalie sind gemeinsam zum MSC gewechselt, trainieren zusammen – und spielen daher auch das dritte Doppel im Team. Bisher taten sie das auch sehr erfolgreich. Birthe und Shima müssen derweil ihren Gegnerinnen ihre Namen mehrmals wiederholen, bis sie akustisch auf der anderen Netzseite zu verstehen sind. Im ersten Doppel stimmt schon lange die Chemie: Lea Edelstein und Dani Mentzen schlagen für den MSC auf.

Doch obwohl beide so gut miteinander harmonieren, tun sie sich anfangs schwer. Die griechische Trainerin führt unsere zwei MSCerinnen zu Beginn regelrecht vor. Die erfahrene Spielertrainerin weiß schließlich genau, was sie machen muss, um den frischgebackenen »Damen« keine Chance zu lassen. Mit 1:6 ist der erste Satz dann schnell verloren. Der zweite Satz läuft besser: Die zwei jungen MSCerinnen haben viel dazugelernt. Und mit mehr Aufmerksamkeit und besserer Körperspannung erspielen sie sich auch immer mehr Breakchancen. Am Ende dennoch vergeblich. Die Gegnerinnen waren heute einfach stärker. Das erste Doppel ist weg – es steht nur noch 3:4.

Währenddessen läuft es im zweiten Doppel besser: Birthe und Shima, die Kombination aus Erfahrung und Konstanz, hat den ersten Durchgang souverän gewonnen. Im zweiten Satz aber liegen sie zurück. Ähnlich sieht es im Doppel Nummer drei aus. Jetzt bitte keine Match-Tiebreaks mehr, denke ich mir.

Ich werde erhöht – und schnell erlöst. Zum Glück. Luca und Nathalie entscheiden als erste den zweiten Satz für sich. Das ist der Aufstiegssieg! Das beflügelt auch noch einmal unser zweites Doppel: Shima zeigt all ihre Netzqualitäten, während Birthe von der Grundlinie aus für den nötigen Druck sorgt. 6:4 endet dann auch der zweite Satz. Und somit gewinnen unsere 3. Damen verdient mit 6:3 gegen den Weidenpescher Park.

Offiziell beginnt die Meldeliste unserer 3. Damen mit zwei LK-1-Spielerinnen: Laura Apata und unsere MSC-Legende Katja Kamecke. Daniela Klaic steht an vier, während Lea Edelstein – die an diesem Tag an Position zwei spielte – gar Nummer 30 der Meldeliste ist. Nathalie Pfisterer steht an Nummer 39. Sie haben gezeigt: Sie haben den Aufstieg mehr als verdient – und dürfen nun hoffen, demnächst zu weiteren Einsätzen zu kommen.

Ich sage: Gut gemacht, Mädels! Aber das mit der Einspielzeit – das muss besser werden. 😉.

(Text & Foto: Ronny Edelstein)

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