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Showdown der 2. Tennisherren beim HTC Schwarz-Weiß Bonn: Ein Bericht

Optimistisch gestimmt – mit den schönen Erinnerungen an heiße Sommertage und Spielen auf Bundes- und Regionalliga-Niveau – startet mein Tennissonntag. An diesem letzten Augustwochenende ist es vieles aber anders. Es ist kühler geworden. Zu dünn angezogen mache ich mich also auf den Weg nach Bonn, zum ultimativen »Showdown«: dem Oberliga-Aufstiegsfinales unserer 2. Tennisherren.

Vorab allerdings genehmige ich mir einen Zwischenstopp. Im MSC. Dort spielen unsere 3. Tennisherren gegen meinen früheren Verein, den T.C. Colonius. In meiner Ignoranz über meine Gebrauchsspuren, die ich die vergangenen 15 Jahre hinnehmen musste, hege ich die naiver Hoffnung, noch jemanden in der gegnerischen Mannschaft zu kennen. Doch weit gefehlt: Die Namen auf dem Spielberichtsbogen sagen mir nichts – die Gesichter noch weniger.

Auch die Zuschauerzahl hält sich an diesem Sonntag im MSC in Grenzen. Ein begeisterter zehnjähriger Tennis-Schüler begleitet Luka Stanivukovic auf seine Spielerbank. Basti hat belegte Brötchen bei seiner Mutter bestellt. Sie hat sie gerade mitgebracht. Und seine Freundin gleich mit.

Die beiden Frauen, Gunter, Bastis größter Fan und Tennis-Schüler, und ich bilden also die MSC-Südkurve. Alles läuft nach Plan. Luka zeigt seinem jungen Schüler, wie man Tennis spielt – und geht nach 20 Minuten mit 7:0 in Führung. Basti scheint derweil eher seine Freundin statt Gunter beeindrucken zu wollen. Und so zeigt er ihr mit sensationellen Stopps, was für ein irrsinnig gutes Ballgefühl er hat. Schließlich kommen »Gefühle« bei Mädchen immer gut an. Gleichzeitig sieht es auch auf dem hinteren Platz zwei sehr entspannt aus. Hier brauche ich mich nicht sorgen. Also: ab nach Bonn.

Trotz kühlem Wind und bedecktem Himmel versprach es ein heißer Tag in Bonn zu werden. Neben den 2. Tennisdamen spielen beim HTC Schwarz-Weiß Bonn die 2. Tennisherren – um den Aufstieg in die Oberliga. Ein wahrer Showdown also – gegen jene Bonner, die seit vielen Jahren vergeblich auf die Tabellenführung der 1. Verbandsliga spekulierten.

Vielleicht ist es an diesem Sonntag der Bedeutung der Herrenspiele geschuldet. Auf jeden Fall haben es die MSC-Damen eilig. Schnell entscheiden sie dank eines 6:0 nach den Einzeln das Spiel für sich. Also auf – die Herren anfeuern.

So viel geballte Tenniskompetenz an der Seite der 2. Herren ist wohl kaum zu überbieten: Neben Kurt und Adi Schmitte, Henner Blase und meiner Wenigkeit, um nur einige prominente Namen aus der MSC-Tenniswelt zu nennen, steht auch Mannschaftstrainer Andreas Schute am Platz. Mit dabei ist selbstverständlich auch Regionalliga-Trainer Dirk Hortian. Bundesligaerfahrung bringen zudem die sieben MSCerinnen mit. Ihr Trainer Yannick Schramm steht ihnen zur Seite. Spielerfrauen und -verwandte und die 200 jubelnden Bonner sorgen für ein außergewöhnlich schönes Sportambiente.

Spannend ist es vom ersten Aufschlag an. »Wer hätte das gedacht…?«, hörte ich eine Stimme im Hintergrund. Wie eine zerkratzte, hängende Schallplatte, nur unterbrochen vom repetitiven Geräusch des heruntergeschluckten Kölsch, höre ich es immer wieder: »Wer hätte das gedacht … ?«. Ja – wer schon?

An Position sechs hat es Ole Linne schwer. Sein Gegner schenkt ihm nichts, jeden Punkt muss Ole selbst zu Ende spielen. Doch mit flachen, langen Slicebällen weiß sein Gegner das Tempo gekonnt herunter zu drosseln. Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann Oles Geduldfaden reißt. Und so muss unser MSCer frustriert, zermürbt und verzweifelt als erster seinen Einzelpunkt an die Bonner abgeben.

Auf dem benachbarten Platz hingegen zeigt Philip Schmitz seinem Gegner wie es geht: Wahrscheinlich zeigt er gerade das Spiel seines Lebens. Mit hohem Tempo, sehr viel Ballgefühl und intelligenter Spielweise bringt Philip seinen Gegner völlig aus dem Konzept. Mit einem 6:3, 6:4 holt er diesen wichtigen Punkt für den MSC. 1:1.

Auch unser 20-jähriger Neuzugang, Kai Breitbach, eigentlich im Regionalligateam eingeplant, lässt nichts anbrennen. Beim klaren 6:2, 6:3 lässt er seinem Gegner keine Chance. 2:1.

Gekonnt haben wir nach der ersten Einzelrunde die Führung an uns gerissen. Und das, obwohl unsere MSC-Kaliber noch gar nicht auf der Bonner Asche standen.

Die zweite Einzelrunde startet mit Nils Sieben an Position fünf, David Korsten an drei und mit dem Regionalliga-erprobten Marvin Greven an eins. Mein Kopf beginnt, über alle möglichen Szenarien zu spekulieren. Schließlich wette ich innerlich mit mir selbst: Zwei sichere Punkte kann ich einrechnen, sage ich mir. Ein 4:2 nach den Einzeln – das wäre gut.

Doch gerade für die Bonner Gastgeber ist dieses Match ein riesiges Event. Die gut gefüllte Anlage bejubelt jeden Schlag – und jeden Fehler. Trotz kühler Luft, dieser Kessel brennt so richtig. Doch Ich bin optimistisch: »Wenn es für uns gut geht, wird es ein 3:3. Wenn nicht, dann 2:4«, flüstert jemand neben mir. »Der Typ spinnt«, denke ich. Aber vielleicht hat er ja recht? Schließlich ist er ein Kenner, begleitet die Mannschaft ständig – und einen der Spieler noch viel öfters.

David Korsten sieht seinem Vater ähnlich: Beide sind groß gebaut. Doch David ist ein Riese. Die Natur meinte es gut mit ihm – denn dieser David ist vielmehr ein Goliath. Das größte MSC-Trikot, das Flo auftreiben konnte, ist ihm definitiv zu klein. Der sympathische Spieler ist ein Publikumsmagnet. Wenn er aufschlägt, hat man das Gefühl, die Bälle sind hinüber. Seine Vorhand ist eine Naturgewalt und eine Bedrohung für jeden, der versucht, den Ball zurückzuschlagen. Seine Schläge sind fast so laut wie sein »C‘mon«, das er ruft, nachdem sein Vorhand-Winner auf die Linie geknallt ist.

Sein luxemburgischer Gegner ist »not amused« – aber auch nicht beeindruckt. Er kann mithalten, ist geduldig, spielt intelligent. Es ist ein sehr enges Spiel, in dem nur Nuancen entscheiden. Als der erste Satz verloren geht, bin ich ein wenig beunruhigt.

Leicht genervt schlägt David gleich zurück – mit einem Break zum Start des zweiten Satzes. Ist das ein gutes Omen? Leider nein. Denn David scheint ausgerechnet jetzt der Frage seines Schicksals nachgehen zu wollen: Ist er David – oder ist er jetzt Goliath? Anders zu erklären ist jedenfalls nicht, wie er direkt das Re-Break kassiert – und so seinen Vorteil abgibt. Letztlich sind es tatsächlich nur Nuancen, die das Spiel entscheiden: Platzfehler. Ein Vorhandkracher minimal neben das Feld gesetzt. Heimvorteil. Mit 5:7 und 3:6 muss David sich geschlagen geben. 2:2.

Bei seinem Mannschaftskollegen Nils ist die Lage gewiss nicht rosiger. Den ersten Satz verliert Niels deutlich mit 1:6. Im zweiten Durchgang läuft es besser. Gegen die Emotionen auf der anderen Netzseite scheint der ruhige MSCer jedoch noch nicht gewachsen. Und so muss er sich am Ende mit 1:6, 2:6 seinem erfahreneren Gegner geschlagen geben. 2:3.

Nun bleibt zu hoffen, dass es zumindest so gut läuft, wie Davids Vater es prognostizierte: ein glückliches 3:3.

Wie auf Knopfdruck wandern alle Augen in Richtung Centre Court. Doch auch da verliert Marvin Greven, etwas unglücklich, seinen ersten Satz. Doch – da bin ich mir sicher – darf man einem erfolgreichen Regionalligaspieler durchaus zutrauen, so ein Match noch zu drehen.

Doch Marvins Gegner spielte nicht nur mit Herz und Leidenschaft. Sondern auch mit Kopf. Er scheint zu wissen, dass er nur hin und wieder eine Chance braucht, seine Mordsvorhand durchzuziehen – um den Punkt sich zu holen. Doch auch Marvin weiß um die Stärke seines Gegners. Er versucht ihm diesen Gefallen nicht zu machen.

Im zweiten Satz läuft es besser für Marvin. Dank eines Breaks befreit er sich ziemlich früh aus seiner misslichen Lage, behielt die komfortable Führung bis zum 5:4. Er servierte zum Satzausgleich. Geht doch! Doch Marvins Gegner liegt noch lange nicht am Boden. Klug und mutig schlägt er zwei geniale Bälle. Re-Break.

Mittlerweile ist es auch der schüchternen Sonne gelungen, die Wolkendecke zu durchbrechen. Jetzt wird es so also richtig heiß.

Der 3:3-Matchpunkteausgleich wäre ungemein wichtig. Beim Stand von 0:30 serviert Marvins Gegner hintereinander vier Asse – und bringt so den Satz wieder in Reihe. Mit der Brechtstange versucht Marvin darauf zu reagieren – und das klappt. Tie-Break.

Dort spielt der Bonner das Spiel seines Lebens. Ungeduldig geht Marvin über die Vorhand des Gegners, kommt nach vorne – und wird bestraft. Mit einem 5:7, 6:7 reißen die Bonner die Führung nach den Einzeln wieder an sich: 2:4.

Meine Hoffnung habe ich bereits aufgegeben: Wie sollen die Jungs denn alle drei Doppel gewinnen? Die Bonner brauchen »nur« noch einen Sieg. Die Spekulationen über die Doppelaufstellungen laufen. Der Bonner Mannschaftstrainer Felix Bonanni will nichts riskieren: Als erfahrener Doppelspieler greift er nun selbst ins Geschehen ein. Im Doppel Nummer drei. Dort trifft er auf Nils und Philip. Als Experte sehe ich hier eine 50:50-Chance. Die gleichen Chancen wären auch Ole und David im zweiten Doppel zuzurechnen, bin ich mir sicher. Um das erste Doppel mit Marvin und Kai mache ich mir derweil keine Sorgen.

Ich scheine unsere Jungs unterschätzt zu haben. Es läuft gut. Auf alle drei Plätze führen wir. Die Hoffnung steigt – um umso steiler Richtung Boden zu krachen. Sowohl im zweiten als auch im dritten Doppel haben die Jungs je ein Break zum Satzende kassiert. Der erste Durchgang ist weg. Es wird immer heißer.

Im zweiten Satz fällt David beim Spielstand von 4:1 nach einer Rückhandpirouette auf die Asche. Gefühlte Minuten rührt er sich nicht mehr. Schmerz? Angst? Enttäuschung? Doch er lacht. Ein Arzt checkt ihn. David humpelt auf den Platz zurück. Den Vorsprung können sie bis zum 5:2 halten – als plötzlich ein Freudenschrei vom Nachbarplatz über die Anlage hallt. Bei einem Vorhandvolley bleibt Nils‘ Ball an der Netzkante hängen. Alles ist entschieden. Der entscheidende Punkt ist weg.

Euphorisiert bauen sich nun Ole und Davids Gegner auf, unsere Jungs knicken enttäuscht ein. Und so geht trotz der deutlichen Führung auch der zweite Satz an die Bonner Sieger. Das erste Doppel ist somit nur noch Ergebnis-Kosmetik. Die beiden Profis holen noch ein Pünktchen. 3:6. Ende.

»Die Jungs haben gut gespielt«, sagt Mannschaftscoach Andreas Schute. »Die Bonner wollten den Aufstieg ein wenig mehr als wir. Das war definitiv Oberliganiveau heute. Und unsere Jungs haben gezeigt, dass sie dort immer mal wieder mithalten können. Sie müssen noch ein wenig in diese Rolle hineinwachsen.«

»Für uns war das heute eine „Kann“-Auftiegschance, für die Bonner ein „Muss“.« Das unterschied die beiden Teams am Ende, belehrte mich Davids Vater geduldig. »Und damit geht das Ergebnis in Ordnung.«

Was habe ich an diesem Sonntag also gelernt? Dass auch in der 1. Verbandsliga unglaubliches Tennis gespielt wird. Dass mit Herz und Seele ein exzellentes Team entstehen kann. Und dass so ein Team mit heimischem Publikum und ganz viel Leidenschaft eine außergewöhnliche Atmosphäre schafft, die ich im »Profitennis« leider noch nicht erlebt habe.

 

(Text & Foto: Ronny Edelstein)

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