2018Tennis

Vom MSC bis nach Wimbledon: Die unglaubliche Geschichte des Andreas Mies

Als Jugendlicher und junger Erwachsener spielte Andreas Mies acht Jahre lang im MSC. Sein größter Förderer: Dirk Hortian. Gemeinsam haben die beiden in tausenden Tennisstunden, bei Matches und auf Turnieren alles aus Andy herausgekitzelt, was sein Talent hergibt. Mit Fleiß und harter Arbeit gelang ihm nun der ganz große Coup: der Einzug ins Wimbledon-Hauptfeld. Gemeinsam mit seinem Doppelpartner wuchs Andy auf dem bekanntesten Tennisgrün der Welt über sich hinaus, spielte sich bis ins Achtelfinale. Nur ein Punkt fehlte am Ende, um die späteren Turniersieger zu schlagen. Andys Erfolgsgeschichte ist eine, die im MSC startete. Nun kehrte er in der ersten Ferienwoche zurück zu seinen Wurzeln. Ein Porträt.

Die Silhouette von Andreas Mies wirft einen Schatten über die Tribüne des Wimbledon-Courts an der Church Road. Er hat es endlich geschafft. Zwar nicht auf den Centre Court. Aber nach Wimbledon. Von Troisdorf aus über den MSC und den USA hat sich Andreas, genannt Andy, ins Hauptfeld des prestigeträchtigsten Tennisturniers der Welt gespielt. Und dort bis ins Achtelfinale. „Das ist wie ein Traum, unbeschreiblich und ich kann es noch immer nicht fassen“, sagt Dirk Hortian auch noch zwei Wochen nach Andys größtem Tenniserfolg.

Unser MSC-Trainer ist nicht nur Andys Entdecker und Förderer. Auch heute noch ist Dirk einer von Andys wichtigsten Ansprechpartnern – sei es nun bei Tennisfragen oder bei Zukunftsentscheidungen. Dirk ist Andys ständiger Begleiter. Und so erlebten die beiden den Mythos Wimbledon gemeinsam: Andy auf dem Platz, Dirk in der Coaching-Box.

Dass Andy heute zu den weltbesten Doppelspielern zählt, hat er auch, oder vor allem, Dirk zu verdanken – und damit auch dem MSC. Lange Zeit trainierte Andy damals als kleiner Junge im Tennisverband Mittelrhein (TVM). Doch als er schließlich zwölf Jahre alt wurde, hielt der Verband plötzlich keine großen Stücke mehr auf ihn. Traurig sprach Andy mit seinen Eltern über die Entscheidung des Verbands. Sein Traum, Tennisprofi zu werden, drohte zu platzen. Dann erinnerte er sich an Dirk Hotian.

Unser heutiger MSC-Trainer arbeitete zu dieser Zeit beim TVM. Als Verbandstrainer. Dass sich Dirk und Andy beim TVM kennenlernten, ist dennoch mehr dem Zufall geschuldet. In Vertretung übernahm Dirk damals eine Stunde – und lernte so Andy kennen. „Dirk und ich haben uns auf Anhieb verstanden“, erzählt Andy. „Er war es, der es als erster richtig verstand, mir den großen Spaß am Tennis zu vermitteln.“

Während Dirk vom TVM zum MSC wechselte, flog Andy aus dem TVM-Verbandstraining. Was dann passierte, weiß unser MSC-Trainer noch genau: „Andys Mutter rief mich an und sagte mir, dass es für ihren Sohn beim TVM nicht weitergeht“, erzählt er. „Ich erinnerte mich ans Training bei Dirk und wollte unbedingt weiter mit ihm trainieren“, sagt Andy. Das wollte auch Dirk. Unter einer Bedingung: „Ich sagte Andys Mutter, dass ich ihren Sohn fördern möchte. Das geht aber nur, wenn er in den MSC wechseln würde“, erinnert sich Dirk.

Gesagt, getan: Mit zwölf Jahren ging’s für Andy fortan mehrmals die Woche von Troisdorf in den MSC. Anfangs fuhr ihn seine Mutter. Später setzte er sich erst aufs Mofa, dann auf den Roller – bei Sonne, Regen und Schnee. Alles für den Traum, einmal Tennisprofi zu werden.

„Der MSC und vor allem Dirk haben mich sehr geprägt“, sagt Andy heute. „Dirk hat nicht nur einen sehr großen Anteil an meiner Entwicklung als Tennisspieler, sondern auch als Person.“ Im MSC durchlief Andy alle Mannschaften: Er schlug bei den Knaben auf, dann bei den Junioren und schließlich bereits als Jugendlicher bei den 1. Herren. „Das macht es selbstverständlich, dass ich zum MSC einen ganz besonderen Bezug habe. Jedes Mal, wenn ich in diesen Club komme, fühlt es sich an wie mein Heimatverein.“ Schließlich sei der Club bislang der Verein, für den er in seinem Leben am längsten spielte: ganze acht Jahre lang.

Diese lange Zeit erreicht Andy in diesem Jahr auch bei Rot-Weiß Köln. Bei unseren Kölner Nachbarn spielt er im Sommer in der Bundesliga. Nicht verwunderlich also, dass in seiner Brust zwei Herzen schlagen. Dennoch: Im MSC fing Andys Karriere so richtig an. „Hier habe ich meine Jugendzeit verbracht. Und diese Zeit ist nun einmal ein großer und grundlegender Teil der Entwicklung“, sagt Andy. Diese hat er mit einer goldenen MSC-Generation durchlaufen. Er zählte gemeinsam mit unserem heutigen Herrenspieler Christian Hansen, mit dem Bundesligaspieler Oscar Otte (ATP-Weltrangliste: 173) und Ivo Mijic zu den MSC-Aushängeschildern.

Später war er dann schnell auch ein Vorbild für viele MSC-Talente. Schließlich trainierte er die jüngsten in Dirks Kindertraining oder in den Sommercamps. In eben jenes kam er vor wenigen Tagen zurück. Als frischgebackener Wimbledon-Spieler.

„Ich weiß noch genau, wie ich damals als Zwölfjähriger, wie ihr es seid, in den Sommerferien selbst im MSC auf dem Platz stand“, erzählt Andy dutzenden MSC-Kindern. Montag Vorhand, Dienstag Rückhand: Das Programm ist noch wie zu Andys Zeiten. Gespannt lauschen die Kinder seinen Geschichten.

Denn für den ersten Nachmittag des diesjährigen MSC-Sommercamps hatte Dirk etwas ganz Besonderes geplant: Er lud Andreas Mies in unseren Club ein. Die Kinder kannten ihn nicht. Noch nicht. Doch Dirk erklärte schnell, dass er ein Tennisstar ist. Wimbledon habe er gerade gespielt, er komme frisch aus London. Und er hat das Tennisspielen im MSC gelernt.

„Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, dass die Kinder hier im MSC nach Autogrammen und Fotos fragen“, sagt Andy. „Es freut mich wirklich riesig, dass nun gerade im MSC die Kinder zu mir aufzuschauen und ich ihnen ein Vorbild sein kann.“ Viel lernen – dass kann unsere MSC-Nachwuchsgeneration von Andy tatsächlich. Zwar hätte er natürlich ein großes Talent gehabt. „Es war aber sicherlich nicht so außergewöhnlich wie von anderen Top-100-Spielern der Welt“, sagt Dirk.

Wie hat es Andy dann also geschafft, nun zu den besten Doppelspielern der Welt zu zählen? „Er hat einfach immer an sich geglaubt“, erklärt unser MSC-Trainer. „Er hat sich selber immer wieder gesagt, dass er es schaffen kann – egal, ob ihn seine Verletzungen zurückgeworfen haben. Ich kenne fast keinen Spieler, der so sehr an sich glaubt wie Andy es tut.“ Genau das wolle Dirk auch unserem Nachwuchs vermitteln. Und manchmal müsse man für seinen Traum eben auch unkonventionelle Wege gehen.

So wie Andy.

Jahrelang hatte er mit Knieproblemen zu kämpfen. Die Belastung im Einzel war zu hoch. Doch statt seinen Traum platzen zu lassen, entschied Andy, mittlerweile mit einem Bachelor aus den USA zurück in Deutschland, sich aufs Doppel zu spezialisieren. Erst spielte er kleine Future-Turniere und in der Bundesliga. Nun hat er es bis nach Wimbledon geschafft: über die Qualifikation bis ins Achtelfinale.

Dass diese Geschichte so besonders ist, erzählt Andy im Tenniscamp den kleinsten MSCern. Denn Wimbledon ist das einzige Grand-Slam-Turnier, bei dem es eine Qualifikation fürs Doppel gibt. Diese Chance wollte Andy mit seinem Partner Kevin Krawietz unbedingt nutzen. Offiziell Wimbledon heißt diese Quali-Woche noch nicht, sie findet statt im Londoner Vorort Roehampton. „Trotzdem fühlt es sich direkt nach diesem englischen Mythos an“, sagt Dirk. Auf den Plätzen nebenan kämpfen international bekannte Spielerinnen und Spieler um den Einzug ins Damen- oder Herrenhauptfeld.

Dank Andy konnte Dirk diesen Mythos nun auch selbst hautnah miterleben. Zwar war auch Dirk Profi, doch als damalige Nummer 500 der Welt blieb Wimbledon immer ein Traum. „Als klar war, dass mein Doppelpartner Kevin Krawietz und ich die Qualifikation spielen dürfen, habe ich sofort Dirk angerufen“, sagt Andy. Er wollte ihn als Coach dabeihaben. „Und ich wusste, dass Dirk auch dabei sein wollte.“

Dirk habe in Roehampton und Wimbledon unglaubliche Arbeit geleistet, findet Andy. „Er hat uns nicht nur beim Tennis geholfen, vor allem hat Dirk uns Mental gestärkt“, sagt er. „Er hat Kevin und mich nach vorne gepeitscht, positiv auf uns eingewirkt – und uns durch Gegnerbeobachtungen taktisch perfekt eingestellt.“

Nachdem Andy und Kevin die Quali-Runden überstanden hatten, folgte erst einmal – Leere. Fünf Tage Pause lagen zwischen den Auftritten in Roehampton und dem Erstrunden-Match. Für Dirk ging es in dieser Zeit von London zurück nach Köln, vom Mythos Rasentennis auf die Asche im MSC. Andy organisierte in dieser Zeit eine Wohnung in London. Fürs Hauptfeld holte er nicht nur Dirk zurück – sondern flog auch seine Familie, seine Freundin und einen alten Schulfreund ein. Alle zusammen teilten sie sich die Wohnung. „Es hat mir unheimlich viel bedeutet, dass meine Familie in meiner Nähe war“, sagt Andy. „Ich hatte als Kind meiner Familie und meinen Freunden versprochen, dass ich sie nach Wimbledon einlade, wenn ich dort einmal spiele.“ Diese Zeit war nun gekommen.

Normalerweise reist Andy mit seinem Doppelpartner alleine. 37 Wochen im Jahr ist er auf Turnieren, 35 davon ohne Familie oder Freundin. In Wimbledon konnte er sich die Familienzusammenführung auf Tennisart erstmals richtig leisten. Dank der Hospitality-Prämie. „Es war mir unglaublich wichtig, dass meine Liebsten dabei sind“, sagt Andy, der sich unheimlich freute: „Ich konnte ihnen so einen Teil zurückgeben. Schließlich haben sie alle, vor allem meine Eltern, unheimlich viel Arbeit in meine Karriere investiert.“

„Es war schon unglaublich, dass Andy und Kevin überhaupt die Qualifikation gewinnen konnten“, blickt Dirk zurück. Dann aber habe sich etwas in den Köpfen der beiden verändert. Andy merkte, dass die Topspieler gar nicht so viel besser sind als sein Doppelpartner und er. „Kevin und ich harmonieren unglaublich gut – spielerisch und charakterlich“, sagt Andy. Das hätten sie bereits vergangenes Jahr auf ihrem ersten Challenger-Turnier in Meerbusch gemerkt. Und das habe die beiden nun auch in Wimbledon ausgezeichnet.

„Die Auslosung war perfekt“, gesteht Dirk rückblickend. In der ersten Runde trafen Andy und Kevin auf das ungesetzte Paar Romain Arneodo und James Cerretani. In vier Sätzen gewann unser deutsches Doppel die erste Runde. „Einen Sieg in Wimbledon zu feiern – das ist unbeschreiblich“, erzählt Andy den MSC-Kindern. „Wenn du es schaffst, auf der größten Tennisbühne der Welt einen Matchball zu verwandeln, gibt dir das einen unglaublich positiven Schub.“ Und der hielt an.

In der zweiten Runde trafen Andy und Kevin auf Pablo Cuevas und Marcel Granollers. Das an Nummer elf gesetzte Duo steht in den Top-30 der Doppelweltrangliste. Nach dem Erstrundensieg beobachtete Dirk Andys kommende Gegner. „Ich sah die beiden spielen und dachte mir: Jetzt gibt’s auf die Mütze.“ Andy und Kevin allerdings glaubten an sich – und fegten die Doppelprofis glatt in drei Sätzen vom Wimbledon-Rasen. „Da wurde mir plötzlich klar: Andy und Kevin können da mitspielen – und sie können jeden schlagen“, erzählt Dirk.

Als im Achtelfinale dann die Weltklassespieler Mike Bryan und Jack Sock auf Andy und Kevin warteten, wuchsen der Grand-Slam-Debütant und sein Doppelpartner über sich hinaus. „Ich sagte den beiden vor dem Spiel: ‚Ihr seid so gut im Turnier drin, greift nach den Sternen‘“, erinnert sich Dirk. Andy und Kevin taten es. Nach einem nervösen ersten Satz spielten die beiden auf einem Niveau mit den US-Amerikanern – und darüber hinaus: Mit einer Hand berührten sie tatsächlich den Stern. Gleich zwei Matchbälle hatten Andy und Kevin im entscheidenden fünften Satz. „Und dann fing ich zum ersten Mal in diesem Turnier an nachzudenken“, erzählt Andy. Die US-Boys servierten zweimal stark, Andy und Kevin konnten nicht returnieren. Und die Partie ging gegen die späteren Wimbledon-Sieger verloren.

„Trotzdem“, sagt Andy, „das war eine unglaubliche Erfahrung. Wir haben gemerkt, dass wir uns vor niemanden in der Doppel-Welt verstecken müssen. Und das gibt uns beiden eine unheimlich starke Motivation für die kommenden Jahre.“ Dank der Erfolge der letzten Wochen ist Andy nun auf Platz 100 der Doppel-Weltrangliste geklettert. Die Chancen stehen also gut, dass er in Zukunft regelmäßig bei ATP 250-Turnieren mitspielen kann.

Andy hat es geschafft. Vom MSC aus ging’s für ihn in die Bundesliga und auf Future-Turniere, nun wird er von der internationalen Tenniswelt wahrgenommen. „Andys Weg zeigt, dass es möglich ist, dahin zu kommen, was man im Fernsehen sieht“, sagt Dirk. Der Weg seines Schützlings soll allerdings noch nicht zu Ende sein. Das Ziel: Der dauerhafte Sprung auf die ATP-World-Tour im Doppel. „Ich möchte regelmäßig ATP-Turniere spielen. ATP 500, ATP 1000 und Grand Slams – da möchte ich hin“, sagt Andy. „Er kann es schaffen“, ergänzt Dirk. „Jetzt lebt er endlich seinen Traum.“ Und wer könnte das schließlich besser wissen als sein langjähriger Ziehvater. (Fotos: red, privat)

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Tillmann Becker-Wahl

Tillmann Becker-Wahl

Im MSC für Social Media und Nachberichterstattung verantwortlich. Wenn Tillmann nicht für die Hockeyherren auf dem Platz steht oder seine Tennisschuhe schnürt, dann studiert er in Köln BWL. Er hat zudem eine zweineinhalbjährige Ausbildung an der Kölner Jouranlistenschule genossen - unter anderem mit Stationen bei SPIEGEL ONLINE und dem Hamburger Abendblatt. Kürzel: tbw

1 Kommentar

  1. 23. Juli 2018 at 14:33 —

    Eine sehr schöne Geschichte.

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